1. Juli 2021In Düsseldorf Journal

Albtraum in der Ulmer Höh‘ – Buchpräsentation

von Barbara Schmitz

In dem 1893 eröffneten Düsseldorfer Gefängnis Ulmer Höh‘ an der Ulmenstraße waren zwischen der Machtübernahme der Nazis 1933 und der Befreiung im Frühling 1945 zehntausende Menschen inhaftiert und der Willkür der Nazis ausgeliefert. 
Diese grausame Vergangenheit haben Bastian Fleermann, der Historiker ist Leiter der Düsseldorfer Mahn- und Gedenkstätte, und sein Team recherchiert und wissenschaftlich aufgearbeitet. Sehr ergiebig für das Buch waren u.a. 70.000 digitalisierte Karteikarten mit persönlichen Daten Inhaftierter, die das Arolsen Archive zur Verfügung stellte. 
Fleermann läßt die Gefangenen, die Unsägliches erleiden mußten, ausführlich zu Wort kommen: In Tagebüchern und Briefen schildern sie ihr Leid und ihre Sorgen. Dokumente belegen Todesstrafen und Vollstreckungen. Viele Gefangene waren völlig unschuldig der Willkür der Nazis ausgeliefert: politische Gegner des Regimes, gesellschaftliche Außenseiter, jüdische Männer & Frauen, Künstler und Journalisten, Prostituierte und Ordensfrauen, Homosexuelle, Sinti, Kirchenleute und Pazifisten, ausländische Zwangsarbeiter oder angebliche „Wehrkraftzersetzer“. Einmann-Zellen waren vierfach belegt und Häftlinge starben qualvoll an Hungerödemen oder Tuberkulose. Es gab entsetzliche Mißhandlungen durch die Gestapo und für viele war das Gefängnis nur eine Zwischenstation auf dem Weg in die Konzentrationslager. Es kam zu vielen Suiziden. 

„Die größten Verbrechen haben sich im Krankenhaus zugetragen.“ so Fleermann. Hier kam es massenhaft zu Zwangssterilisationen und Entmannungen (Kastrationen) an Homosexuellen. „Das Hospital stand viele Jahre unter der Aufsicht Heinrich Fuhrmanns – bis zu dessen Tod im Jahr 1960.“
Zur Buchpräsentation, die in der ehemaligen Kleiderkammer der Ulmer Höh‘, in den Katakomben der Kapelle stattfand, kamen auch Menschen, die sich dem Ort persönlich verbunden fühlen. Wie z.B. Pater Wolfgang, der hier von 1990 bis 2019 Gefängnisseelsorger war. Auch Josef Hinkel, seit November 2020 Erster Bürgermeister der Landeshauptstadt Düsseldorf, sprach ein Grußwort und zeigte sich sehr betroffen, als Bastian Fleermann mit bewegenden Worten von seiner Arbeit an der Publikation berichtete. 

In einer szenischen Lesung der Schauspieler Julia Dillmann und Jonathan Schimmer erklangen die Stimmen Inhaftierter, die von ihrer Not und Verzweiflung sprachen. Henrike Tetz, die Vorsitzende des Förderkreises der Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf, bedankte sich bei allen Beteiligten für die wichtige Aufarbeitung dieses dunklen Kapitels Düsseldorfer Geschichte. Nach 76 Jahren werde die nationalsozialistische Gewaltherrschaft in der Ulmer Höh‘ zum ersten Mal wissenschaftlich aufgearbeitet und die Leiden so vieler Inhaftierter gewürdigt. Die Publikation wurde von der Anton-Betz-Stiftung der RP unterstützt, mit 4.000 Euro.

Von den Gebäuden der Ulmer Höh‘ ist nur noch ein kleines Ziegelgebäude mit der Kapelle im Dachstuhl übrig. Das ehemalige Derendorfer Gefängnis wurde abgerissen und die inhabergeführte INTERBODEN Gruppe plant rund um die entkernte Gefängniskapelle ein neues Wohnquartier mit 500 Wohnungen (50 % als geförderter Wohnungsbau, 30% für Studenten) und Gewerbeflächen, wie der Hausherr Dr. Reiner Götzen zur Begrüßung der Gäste berichtete. Ein begrünter Bereich im Zentrum des neuen Quartiers, ein Grün-Kreuz, soll die ehemalige Gefängnisstruktur zeigen als Reminiszenz an die Historie des besonderen Ortes.

Bastian Fleermann bedankte sich bei ihm für das große Entgegenkommen, dass INTERBODEN die Kapelle erhalten hat und diesen besonderen Ort in seine Planung integriert. Mit seinem Buch möchte der Leiter der Düsseldorfer Mahn- und Gedenkstätte auch den zukünftigen Bewohnern die Geschichte der Ulmer Höh‘ nahe bringen. 


Titelfoto: Bastian Fleermann
© Fotos: Barbara Schmitz
Quelle: „Ulmer Höh’. Das Gefängnis Düsseldorf-Derendorf im Nationalsozialismus“, Bastian Fleermann, 488 Seiten, 22 Euro, www.droste-verlag.de

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