„Altbier oder Champagner?“ 

Interview mit Freifrau von Kö (Andreas Patermann), Düsseldorfer Travestie-Künstler und Stadtführer 

von Barbara Schmitz


Werte Freifrau von Kö: 2009 wurden Sie im Karneval beim Tuntenlauf auf der Kö als Überraschungs-Siegerin gefeiert. Ist Ihre Rolle im Anschluss dann so richtig erblüht, oder gab es Sie schon vorher? 

Tatsächlich wurde die Freifrau so im wahrsten Sinne des Wortes ins Licht der Öffentlichkeit gezerrt, wie sie manchmal behauptet. Doch begab sie sich letztlich selbst auf diese Bretter, die heute ihre Welt bedeuten. Es war die tatsächliche Geburt und öffentliche Vorstellung der Freifrau auf diesem Laufsteg, welche als Konzept und Name bereits existierte, aber lange im Kopf ihres sogenannten Assistenten und letztlich Schöpfers umherschwirrte, bis sie ihr heutiges Erscheinungsbild fand. 

Als wunderbare Kult-Figur machen Sie Marketing für Düsseldorf. Welchen Stadtbummel bieten Sie an, was kann ich bei Ihren an außergewöhnlich amüsanten Führungen erleben? 

Neben unseren Straßenbahn-Touren – in wunderbarer Kooperation mit der Konditorei Heinemann an Bord eines historischen Speisewagens der Rheinbahn – sind wir bereits im 11. Jahr tatsächlich mit unseren Touren zu Fuß über Kö & Co. Unterwegs: Einst legendär als „Glamour-Stadtbummel“ durch die „Landesbaugrube“ – wie der Kö-Bogen noch vor Jahren als gigantisches Bauloch existierte – nunmehr seit 2 Jahren als „Köronabummel“, der wieder zu altem Glanz und Glamour zurückkehrt. Start ist direkt auf der Königsallee. Wir sind dabei ungefähr 2 Stunden unterwegs und erzählen allerlei freifräuliche Geschichten, Gerüchte und Anekdoten. Eine durchweg historisch fundierte aber freifräulich bunt aufgearbeitete und verpackte Mischung wird hier unterhaltsam präsentiert. Aktuell haben wir uns dem Lichterglanz von Stars und Sternchen, Varietés, Cafés und Kinos verschrieben neben einer stets präsentierten Leidenschaft für Themen von Architektur und Stadtentwicklung im Dorfe an der Düssel.

Im Besonderen lassen Sie die historischen Damen unserer Stadt glänzen, das gefällt mir persönlich sehr gut. Über welche Grand Dames plaudern Sie und geben Details und Anekdoten preis? 

Im Laufe der Jahre sprachen wir vielfach über prägende Damen, Fräuleins, Gattinnen und gestandene Frauen, welche wir für das Dorf an der Düssel, die Residenzstadt und spätere Landeshauptstadt als herausragende oder manchmal auch ein wenig vernachlässigte Persönlichkeiten erachten. In unserer neuen Tour, die direkt am Südende der Königsallee startet, ist nach Künstlermüttern, Kurfürsten- und Industriellengattinnen sowie Möchtegernsternchen der letzten Jahre unser neuer weiblicher „Stern“ ein echter Hollywoodstar aus Düsseldorf: Luise Rainer. Sie war seinerzeit Schülerin am legendären Schauspielhaus von Louise Dumont und ging später in Hollywood als Oscarpreisträgerin in die Geschichte ein. 

Wie darf ich mir eine Führung von Ihnen vorstellen, wird dazu Altbier oder Champagner gereicht?

Hier wird natürlich stets unser feinster „KÖ et Chandon“ freifräulich kredenzt, der vorher auf edelsten Europaletten am südlichen Fuße der Königsallee lagert, wo einst das größte Varieté Europas stand und heute auch eine Freifrau ihren Wocheneinkauf tätigt. Gülden etikettiert trinkt sich der Schaumwein direkt glamouröser und wir erinnern: „In Düsseldorf ist alles Gold was glänzt – solange man das Etikett nicht abzieht.“ 

Die Freifrau von Kö hat ja Narrenfreiheit und darf mit ihren Pfeilen auf das Schickimicki-Image der Landeshauptstadt schießen. Gab es daraufhin auch schon mal Reaktionen, die Humor vermissen ließen? 

Tatsächlich ist es genau das Verständnis und die freifräuliche Freiheit, welche wir in dieser Stadt so lieben und dankbar dafür sind. Seit vielen Jahren sind wir unterwegs und freuen uns über die zwar teils erstaunten jedoch stets erfreuten Gesichter auf Kö & Co. oder dem gesellschaftlichen Parkett im Dorfe an der Düssel. Wir sind sehr umgänglich und lieben es als Freifrau von Kö hier Teil der Vielfalt sein zu dürfen. Nur die manchmal tatsächlich durch Intrigen oder Ränkespiele durch Dinslakener Bettlaken nach Düsseldorf gekommenen Emporkömmlinge und Fräuleins sind es, die sich mit einer Freifrau und ihrer großen Welt in ihrer eigenen Position entlarvt fühlen und dementsprechend undamenhaft reagieren. Dies ist gar selten, doch sind die echten Damen im Dorfe an der Düssel in derart stutenbissigen Gestüten gar nicht unterwegs, und wir selbst auch zu beschenkt durch den Zuspruch, den wir stets erfahren dürfen in der Düsseldorf Kultur- und Stadtlandschaft. 

Sie sind „weltbekannt in Düsseldorf“ und wahrlich eine imposante Erscheinung. Wie reagieren Menschen auf Sie, wenn Sie Ihnen jenseits Ihrer Auftritte unverhofft begegnen? 

Wir sind eine einfache Frau aus der Oberschicht – so trifft man uns auch abseits vermeintlich oberflächlichen Glamours an, und wir sind immer für einen Plausch zu haben – wenn wir nicht gerade in größter Eile über die Königsallee rasen zu einer Tour per pedes oder mit der Rheinbahn. Wir stehen auf der Bühne des Lebens – oftmals ein Trottoir – und so ist diese Bühne meist auf Augenhöhe mit den Menschen, welche uns zum ersten Mal erleben. Ein Lächeln oder ein freundliches Wort kostet nichts, und wir hoffen, dies immer zu vermitteln, um es auch erfahren zu dürfen. 

Madame, Sie sind glamourös und schrill zugleich – und tragen auch verbal dick auf! Mir scheint, dass Sie diese Rolle mit der vollen Glut Ihres Herzens, mit Liebreiz und vollmundigem Charme ausfüllen. 

Wir waren schon immer eine sehr präsente Persönlichkeit und tragen das freifräuliche Herz auf unserer Zunge. Es ist wundervoll „uns selbst sein zu dürfen“ in dieser für uns schönsten Stadt am Rhein. Wir lieben es, den Menschen Einblick in unsere Welt im Dorfe an der Düssel geben zu dürfen und präsentieren unsere Anekdoten, Gerüchte und Geschichten stets theatralisch und voller Leidenschaft. Das war schon immer so und ist es auch, selbst wenn wir vermeintlich inKÖgnito unterwegs sind abseits der Freifrau und ihrer Veranstaltungen. 

Wann haben Sie Ihre Vorliebe für Travestie und die Lust an szenischen Verwandlungen entdeckt?

Travestie??? Damit haben wir nichts am Hut! Wir sind doch Millionärsgattin, an uns ist alles echt! Ganz ehrlich – schon in frühst-freifräulicher Kindheit waren wir in dieser Weise prädestiniert und eine recht schillernde und präsente Persönlichkeit mit großer Leidenschaft für Kostüm und Verwandlung. Unsere tatsächliche biologische Geburt war quasi der erste große Auftritt lange bevor wir im Februar 2009 auf der Königsallee unsere dann freifräuliche Geburt erlebten. 

Wie darf ich mir stille Momente der Freifrau von Kö vorstellen? Denn wo viel Licht ist, braucht es auch schattige Plätze für innen und außen, oder?

Tatsächlich gibt es diese Momente, zwar selten, aber immer sobald wir ganz „unter uns selbst“ sind. So sind wir passionierte allein-am-Rhein-Radlerin oder allein-Urlauberin, um Stille zu finden in unserem sonst sehr geschäftigen und umtriebigen Leben auf und abseits der Kö. So sind wir letztlich nur schweigsam, wenn wir alleine sind – eine Berufskrankheit als Millionärsgattin und Unternehmerin in der „freifräulichen Unterhaltungbranche“. 

Bei welchen Themen verliert die Freifrau von Kö ihre Contenance?

Selten verlieren wir diese, da wir bejährt und erfahren sind. Doch tatsächlich bei jugendlich-rüpelhaftem Benehmen z. B. in der Altstadt, welches wir früher in dieser Form nicht kannten. Das Pflaster hat sich verhärtet zwischen Düssel und Rhein in den letzten Jahren, und wir sind uns sehr bewusst, dass wir durch unsere Lebenserfahrung, Persönlichkeit und Erscheinung einen Vorteil haben und verbal äußerst gut in der Lage sind, zu kontern. Doch sollte dies nicht nötig sein und unser schönes Dorf an der Düssel ein Ort von Offenheit, Akzeptanz und friedvollem Miteinander für alle Menschen. 

Wie sieht Ihr Alltag jenseits der Kö aus? Sind Sie auch da im Auftrag von Kunst & Kultur unterwegs?

Natürlich haben wir etwas Vernünftiges gelernt. Auch abseits von Kö & Co. sind wir tagtäglich in der Kultur unterwegs und manche mögen behaupten, uns schon einmal als „Mann verkleidet“ im wundervollen Theatermuseum im Hofgarten gesehen zu haben, welches das freifräuliche Zuhause ist. Tatsächlich sind wir abseits unserer Touren zu Fuß oder mit der Rheinbahn als Unternehmerin im Kulturbereich voller Leidenschaft und Liebe für diese unsere Stadt am Rhein und unser Dorf an der Düssel aktiv. 


Kurzvita 

Die Freifrau von Kö präsentiert als Millionärsgattin eine Illusion von Ruhm und Schönheit, als Hommage an diesen Typus Frau, den man in Düsseldorf immer noch antrifft und der die Stadt sowie ein liebenswertes Klischee geprägt hat. Seit Jahren flaniert sie mit ihren Stadt-Touren über die Kö und bietet Erlebnisfahrten mit der Rheinbahn an. Von ihrem „freifräulichen Ornat“ mit Monogramm-Muster behauptet sie, ihre schwäbische Schwägerin „Louise Vögele“ habe es als Handarbeitsschülerin erfunden, bevor es sich ein internationaler Luxus-Filialist dreist angeeignet habe. Die Kunstfigur Freifrau von Kö wird von „Andreas Patermann“ dargestellt, der 2002 von Franken nach Düsseldorf kam, um an der FH Düsseldorf Design und Innenarchitektur zu studieren. Es war seine studentische Tätigkeit in einem legendären Düsseldorfer Architektenbüro, die bei ihm die Leidenschaft für die städtebauliche und architekturhistorische Entwicklung Düsseldorfs weckte und ihn auf den Weg führte zu seiner heutigen Arbeit in der Düsseldorfer Kulturlandschaft auf und auch abseits der Kö. 


Fotos: Klaus Jacklen 

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