14. Dezember 2023In 2023/3, Interview

Interview: Michael Becker Intendant Düsseldorfer Symphoniker

Das Interview mit Michael Becker, Intendant der Düsseldorfer Symphoniker und der Tonhalle Düsseldorf sowie Geschäftsführer der Tonhalle Düsseldorf gGmbH

„MUSIKER ZU SEIN HILFT SEHR, DAS ORCHESTER ZU VERSTEHEN.”

Das Publikum der Tonhalle kennt Sie als den smarten Moderator, der die Musiker und das Publikum bei jeder Aufführung persönlich begrüßt. Sie könnten selber im Orchester sitzen und Viola spielen oder über das Konzert schreiben. Denn Sie sind Musiker und Journalist. Wie kamen Sie von der Bratsche zum Journalismus und dann zur Intendanz?
Der Wechsel hat stattgefunden, als ich neben dem Studium der Viola bei Jürgen Kussmaul in Düsseldorf Artikel für die Rheinische Post geschrieben habe. Für diese Zeit habe ich sogar ein Zeugnis, das von Wolfram Goertz unterschrieben worden ist. Da habe ich gemerkt, dass ich sehr gerne über Musik spreche und schreibe. Also musste ich mich entscheiden: Möchtest du die nächsten 40 Jahre ins Orchester gehen oder vielleicht doch etwas anderes machen. Ich habe dann für verschiedene Zeitungen und Rundfunkanstalten gearbeitet und war 12 Jahre Intendant der Niedersächsischen Musiktage. Für mich ist mein Berufsweg sehr stimmig, denn die Ausbildung als Musiker und das Musikersein hilft mir sehr, das Orchester zu verstehen.

Haben Sie Lieblingsepochen oder Lieblingskomponisten?
Nein, ich liebe sie alle. Es ist natürlich zum einen stimmungsabhängig, aber ich versuche auch Musik immer aus der Situation heraus zu verstehen, in der sie entstanden ist. Ein kleines Barockwerk „kracht” nicht so wie ein großer Romantiker. Man sollte es kompensatorisch hören. Dann ist es genauso „laut” und ergreifend wie eine Symphonie. Und da ich vier Kinder habe, komme ich mit sehr vielen Musikrichtungen in Kontakt, auch mit elektronischer Musik.

Spielen Sie noch Viola und singen Sie unter der Dusche?
Ja, Viola spiele ich noch immer und nein, ich singe nicht, aber dafür pfeife ich den ganzen Tag. Ich merke das gar nicht mehr, aber jeder weiß schon vorher, dass ich um die Ecke komme.

Ihre Frau Sara Koch ist Pianistin. Sind Hauskonzerte bei Ihnen so normal wie im Hause des Ex-Oberbürgermeisters Thomas Geisel?
Wir musizieren viel zusammen. Unsere dritte Tochter spielt auch Bratsche, gelegentlich auch mit mir. Unsere Kinder haben alle ein Instrument gelernt. Die Älteste spielt Kontrabass, die zweite Tochter spielt Cello, die dritte Bratsche und der Kleine Posaune. Wir haben auch Freunde, mit denen wir Kammermusik machen.

Ich kann mir jetzt gar nichts anderes vorstellen, als dass Sie Ihre Frau auch über die Musik kennengelernt haben …
Da liegen Sie völlig richtig. Ich habe meine Frau bei einem Klavierabend meines Bruders kennengelernt. Er ist Professor für Klavier und Kammermusik an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover. Sara hat damals bei ihm studiert.

Zu Ihren zahlreichen Tätigkeiten sind Sie auch noch Schirmherr des Kinderschutzbundes Düsseldorf e.V. und Botschafter der „Du bist wertvoll”-Stiftung. Auf wie viele Arbeitsstunden kommen Sie in der Woche?
Da gucke ich nicht drauf. Ich habe ausreichend Freizeit, aber die besteht auch aus dem Konzert, das ich besuche. Die Übergänge sind für mich fließend. Auch dieses Interview zähle ich nicht unter Arbeit. Ich rede gerne mit Leuten und das mache ich zufällig gerade in meinem Büro.

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Michael Becker
Kurzvita

Michael Becker, geboren 1966 in Osnabrück und aufgewachsen in Hannover, stammt aus einer Musikerfamilie. Der Vater war Präsident der Hannoverschen Musikhochschule, seine Mutter unterrichtete Musik an einer Grundschule. Becker war Mitglied im Knabenchor der Stadt und studierte Viola in Düsseldorf. Er war Mitglied im Kölner Kammerorchester, in der Jungen Deutschen Philharmonie, im European Community Youth Orchestra und im Orchester der Städtischen Bühnen Krefeld/Mönchengladbach. Nach einem Studium am Institut für Journalistik und Kommunikationsforschung in Hannover arbeitete er für die Hannoversche Allgemeine Zeitung, den Rheinischen Merkur sowie den Mitteldeutschen und den Norddeutschen Rundfunk. 1994 bis 2006 war Michael Becker Intendant der Niedersächsischen Musiktage, unterrichtete an der Leuphana Universität Lüneburg, an der Robert-Schumann-Hochschule Düsseldorf und hält regelmäßig Vorträge. Seit 2007 ist Michael Becker Intendant der Düsseldorfer Symphoniker und der Tonhalle Düsseldorf, seit 2018 zudem Geschäftsführer der neu gegründeten Tonhalle Düsseldorf gGmbH. Becker ist u. a. Intendant des Schumannfests Düsseldorf, Vorstand der Orchesterakademie der Düsseldorfer Symphoniker und des Freundeskreises der Tonhalle Düsseldorf, der mittlerweile 550 Mitglieder zählt. Becker lebt mit seiner Frau und seinen vier Kindern in Düsseldorf-Derendorf. Sein Sternzeichen: Steinbock.

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Ich versuche Musik immer aus der Situation heraus zu verstehen, in der sie entstanden ist.”

Mit Ihnen als Intendant hat die Tonhalle ein neues Image bekommen. Sie haben das Konzept „Tonhalle 0 bis 100” erschaffen. Fängt das tatsächlich bei 0 an?
Wir sind tatsächlich das erste Konzerthaus Deutschlands, das Musik für jede denkbare Altersgruppe – vom ungeborenen Baby in der Reihe „Ultraschall” über die jugendliche Generation in der Reihe „#IGNITION” bis zur Reihe „Schroeder/Boning/Schafroth geht ins Konzert” für Klassik-Rückkehrer anbietet. Die jüngsten Tonhallenbesucher sind drei Monate alt.

Wie sieht es mit den Abonnements aus?
Da haben wir gerade einen Rekord gebrochen mit 5.664 Abonnements. Das ist mehr als in der Vor-Coronazeit und die Anmeldungen laufen aktuell noch.

Welches ist das beliebteste Format?
Die Sternzeichenkonzerte. Die Idee kam auch nicht von ungefähr, denn die Tonhalle, die ehemals Rheinhalle hieß und von dem Architekten Wilhelm Kreis 1926 als Planetarium gebaut wurde, ist eben ein „Planetarium der Musik” und wegen des „Indoor-Sternenhimmels” beim Publikum sehr beliebt.

Neu in der Saison 2023/24 ist der „Green Monday”. Hier laden Sie die Besucher zu einem emissionsarmen Konzerterlebnis ein. Was habe ich mir darunter vorzustellen?
Bei jedem Sternzeichenkonzert wird ein Nachhaltigkeitsthema beleuchtet. Wir wollen dem Publikum zeigen, was wir als Tonhallenbetreiber machen können. Wir drehen das Licht oder die Heizung herunter. Wir verändern jeweils einen Parameter dessen, was man gewohnt ist in einem Konzert und fragen: Könnt Ihr damit leben? Oder wir sagen: Wenn Ihr könnt, kommt mit dem ÖPNV oder mit dem Fahrrad. Dann können wir sagen, die Veranstaltung heute führt zu einer CO2-Reduktion in Höhe von XY. Es ist ein offenes Panel. Andere Sachen sind diskussionswürdig. Wollen wir wirklich alle Programmhefte abschaffen und alles auf Smartphones packen? Bei jedem „Green Monday”-Konzert wird nur ein Parameter abgefragt und die Konzertbesucher entscheiden mit einer Holzmünze, ob sie dafür oder dagegen sind. Landet die Münze im roten Kasten, sind sie dagegen, im grünen Kasten sammeln sich die Befürworter. Die Beteiligung beim ersten Konzert war sehr gut.

Gibt es auch Musik zu diesem Thema?
Elf Komponistinnen und Komponisten aus der ganzen Welt haben sich auf das Experiment eingelassen und Themen wie „Recycling”, „Energieeffizienz” oder „Digitalisierung” in Musik verwandelt. Diese wird von den Düsseldorfer Symphonikern exklusiv als Prolog zum Sternzeichen-Programm gespielt. Dadurch dauern die Montagskonzerte drei bis vier Minuten länger, Sie bekommen also noch mehr fürs Geld. Im Anschluss gibt es eine kleine Diskussion auf der Bühne mit der Musikerin und Klimabotschafterin Lea Brückner und mir als Sparringspartner.

Was sind die nächsten Themen beim „Green Monday”?
Am 11. Dezember wird es um Wärmeeffizienz gehen. Am 15. Januar 2024 steht das Thema Digitalisierung an und am 5. Februar gibt es eine Komposition über die Ressource Wasser.

Die Düsseldorfer Symphoniker, wer sind das und wie viele?
Unsere Symphoniker bestehen aus rund 130 Musikerinnen und Musikern aus 27 Nationen und haben eine sehr alte Tradition. Düsseldorf war die zweite deutsche Stadt, die im 19. Jahrhundert ein städtisches Orchester gründete. Bei uns spielen Russen, Ukrainer, Israelis und ca. 50 Prozent der Musikerinnen und Musiker stammen nicht aus Deutschland, kommen aus den USA, der Türkei, Spanien, Australien, Korea, Japan…

Wer ist für die Musiker zuständig. Wer sucht sie aus?
Das ist ein basisdemokratischer Prozess. Das gesamte Orchester sitzt im großen Raum. Vorne stehen die Musiker und zeigen uns ihre Kunst. Danach wird lange geredet und man entscheidet sich dann für eine Person und zwar für jedes Instrument. Probespiele sind ein wichtiger Bestandteil des Terminkalenders. Im Moment haben wir rund zehn Stellen zu besetzen. Das liegt daran, dass wir einen Schub von Musikern in den späten 80-ern bekommen haben, die jetzt alle in Rente gehen. Aber auch in anderen Bereichen gibt es immer wieder Veränderungen. Ernst von Marschall, der das Jugendsinfonieorchester leitet, geht ebenfalls bald in Rente. Für ihn eine Nachfolge zu finden, das ist ein Vabanquespiel, denn mit der Neubesetzung entscheidet man, in welche Richtung es dann geht.

Müssen die neuen Düsys denn viel reisen?
Die Frage nach Tourneen stellt sich eher selten. Das Orchester ist hier in der Tonhalle beheimatet, spielt aber zu
70 Prozent in der Oper. Alle zwei Jahre steht eine größere Tour auf dem Programm. Im März 2024 gehen wir auf eine Spanien-Tournee. Für 2025 sind Konzerte in Japan, China und Korea geplant. Aber wir sind kein Reiseorchester.

Wie viele Konzerte spielen die Düsys in der Tonhalle?
Hier im Haus finden rund 50 Konzerte mit den Düsseldorfer Symphonikern statt, davon alleine 36 Sternzeichenkonzerte, dann gibt es noch den Aeolus-Wettbewerb, die beiden Neujahrskonzerte, das Menschenrechtskonzert sowie die Kinder- und Jugendkonzerte.

Ihr Vertrag läuft noch bis zum nächsten Sommer und dann?
Ich hoffe, dass ich noch länger hier arbeiten darf.

Falls Sie verlängert werden, wo würden Sie gerne in fünf Jahren stehen? Geht da überhaupt noch mehr?
Auf jeden Fall. Wir sind erst seit sechs Jahren eine gGmbH, die es uns erlaubt hat, nach außen zu denken. Wir haben gerade einen neuen kaufmännischen Geschäftsführer eingestellt. Veränderung heißt auch nicht, wir machen noch eine und noch eine Reihe. Wir müssen uns vielmehr fragen, an welcher Schraube wir drehen müssen. Und dann gibt es noch die Ideen aus den eigenen Reihen: Die Orchestermusiker möchten gerne mehr Kammermusik machen. Das ist insofern schwierig, als die Tonhalle jeden Tag voll ist. Aber wir könnten einen Tag der Kammermusik machen. Das wäre dann wieder spektakulär.
■ Dr. Susan Tuchel

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